Arbeitsgruppe Wachstumszwang

Die wissenschaftliche Debatte über Nachhaltigkeit ist immer noch kontrovers bezüglich der Existenz von „Wachstumszwängen“ oder „Wachstumstreibern“. Während viele Autoren die Fixierung auf Wirtschafts- und Unternehmenswachstum für eine Frage der Mentalität halten, nehmen andere an, dass ein struktureller Wachstumszwang besteht. Sie beschreiben seine Ursache mit verschiedenen Erklärungsansätzen, um deren Plausibilität gestritten wird. Die Ziele dieser Arbeitsgruppe sind, einen vollständigen und detaillierten Überblick über den aktuellen Stand der Debatte zu erstellen, die Ursachen zu kategorisieren und zu bewerten, und Auswege auf der Ebene von Wirtschaftsordnung und -politik zu diskutieren.

Verantwortlich sind Oliver Richters und Andreas Siemoneit.

Ergebnisse

Wir liefern im Beitrag „How imperative are the Joneses? Economic Growth between Individual Desire and Social Coercion“ (VÖÖ Discussion Paper 4) eine sehr ausführlich begründete Definition des Begriffes „Wachstumszwang“, der bislang nur auf der Makroebene oder ansonsten eher umgangssprachlich definiert ist. Ausgehend von dieser Definition untersuchen wir dann verschiedene in der Literatur aufgestellte Hypothesen, dass Nachfrager (Konsumenten) oder Anbieter (Produzenten) aufgrund sozio-kultureller Mechanismen einem Wachstumszwang unterliegen würden (Stichwort „Wachstumsparadigma in den Köpfen“). Wir zeigen, dass diese Hypothesen nicht tragfähig sind: Entweder verweisen sie letztlich auf ökonomischen Druck (wozu auch Wettbewerbsvorteile durch sogenannte Innovationen gehören), oder sie erfüllen nicht unsere Anforderungen an einen Wachstumszwang.

Im Artikel „Effizienzkonsum: Produktivitätssteigerung als Beschreibungsrahmen bestimmter Konsum-Entscheidungen“ (VÖÖ Discussion Paper 3) diskutiert Andreas Siemoneit die These, dass Unternehmen und Konsumenten beide zahlreiche Güter kaufen, die sie effizienter machen. Dies erzeugt positive Rückkopplungen, die man als Wachstumszwang interpretieren kann. Für Unternehmen wird Effizienzsteigerung seit langem als Investitionsmotiv akzeptiert, aber weder Mikroökonomik noch Konsumsoziologie diskutieren sie auch nur als Konsummotiv.

Das Papier „Consistency and Stability Analysis of Models of a Monetary Growth Imperative“ (Ecological Economics 136, p. 114–25) ist die Analyse zweier Argumentationslinien, dass im Geldsystem an sich ein systemischer Wachstumszwang begründet liege: Verdächtigt werden zum einen zinstragendes Kreditgeld, zum anderen das Horten von Gewinnen durch die Geschäftsbanken. Beide Argumentationslinien sind aus unserer Sicht unplausibel und daher zurückzuweisen. Es gibt im Geldsystem keinen systemischen Wachstumszwang.

Der Artikel „Fear of stagnation? A review on growth imperatives“ (VÖÖ Discussion Paper 6) baut auf den beiden anderen auf und rundet unsere Analyse ab: Wir gehen durch die „klassischen“ und neuen Theorien, warum die Ökonomie einem Wachstumszwang unterliege: Geld, Wettbewerb und Gewinnorientierung, Technischer Fortschritt, staatliche Wachstumspolitik und sozio-kulturelle Mechanismen (wobei wir bei Geld und sozio-kulturellen Mechanismen auf unsere anderen Artikel verweisen). Unser Ergebnis ist eindeutig: Nur der sogenannte Technische Fortschritt, der recht einseitig menschliche Arbeit durch maschinellen Ressourcenverbrauch ersetzt, hat das Potential, eine auf Marktwirtschaft basierende Gesellschaft „in den Wahnsinn zu treiben“. Eine vordergründig treibende Kraft ist eine staatliche Wachstumspolitik, die jedoch vor allem auf die durch Prozessinnovationen verursachte „technologische Arbeitslosigkeit“ reagiert, welche durch neue Produktinnovationen nicht verlässlich kompensiert wird. Akkumulation, Ungleichheit und Kreditgeld (Finanzierung ohne vorhergehendes Sparen) verstärken das Problem durch verschiedene Effekte. Es ist also nicht so, dass nur ein Mechanismus „verantwortlich“ ist, aber wir betrachten Technischen Fortschritt (bzw. den entsprechenden Ressourcenverbrauch) durchaus als obersten Punkt in einer „Hierarchie der Ursachen“. Ein Ausweg aus dem Dilemma könnten institutionelle Verbrauchsbegrenzungen (Cap & Trade) und die Begrenzung von Akkumulation sein. Die Überwindung von Marktwirtschaft ist dafür nicht erforderlich.

Der deutschsprachige Übersichtsartikel „Wachstumszwänge: Ressourcenverbrauch und Akkumulation als Wettbewerbsverzerrungen“ im Sammelband „Postwachstumspolitiken“ (Hrsg. Adler/Schachtschneider) fasst unsere Ergebnisse relativ knapp, aber allgemeinverständlich zusammen. Nach einer Präsentation der Ergebnisse unserer Arbeitsgruppe diskutieren wir zwei Politikvorschläge etwas detaillierter: Institutionelle Verbrauchsbegrenzungen (Cap & Trade) und die Begrenzung von Akkumulation.

Wir arbeiten derzeit daran, die Diskussionspapiere in Fachzeitschriften zu publizieren, ein allgemeinverständliches deutschsprachiges Buch zu verfassen, und aus der Arbeit entstandene weitere Forschungsfragen zu beantworten.

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